Meine vielen „Tage der Deutschen Einheit“

Zweite Ausreisewelle über die Prager Botschaft, Grenzschließung zur Tschechoslowakei, der Zug in die Freiheit durch DDR-Gebiet, Polizeigewalt rund um den Bahnhof Dresden: Das sind die Bilder, die ich bis heute mit dem 3. Oktober verbinde. Meine Erinnerungen knüpfen sich an das turbulente Wendejahr 1989 vor 30 Jahren – nicht aber an den willkürlich gewählten Termin der Wiedervereinigung ein Jahr später.

Nach der Grenzöffnung in Ungarn überschlugen sich fast täglich die Nachrichten: Immer öfter verschwanden Bekannte quasi über Nacht gen Westen. DDR-Zeitungen druckten derweil haarsträubende Geschichten, laut denen DDR Bürger mit Menthol-Zigaretten betäubt und nach Österreich verschleppt worden seien. In Wahrheit strömten immer mehr DDR-Flüchtlinge in die Botschaften. Ab dem 4. September reihten sich jede Woche mehr Menschen nach dem Friedensgebet in die Leipziger Montagsdemos ein. Angesichts der Menschenmassen am 9. Oktober kapitulierte die Stasi. Die Bilder des friedlichen Protests gingen um die Welt. Die Welle erfasste bald jede Kleinstadt: Friedliche Menschen drängten auf Reformen und Reisefreiheit. Und am 9. November torpedierte Günter Schabowski den verzweifelten Versuch der DDR-Oberen, die Reisefreiheit nur begrenzt zu lockern. Mit seiner legendären Aussage zur beschlossenen Grenzöffnung „Das trifft nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“ brachen alle Dämme.

Gänsehaut und feuchte Augen

Noch heute bekomme ich wahlweise Gänsehaut oder feuchte Augen, wenn gezeigt wird, wie ‘89 einfache Leute Schlagbäume öffneten und erste Trabis nach Westberlin rollten. Denn mich traf dieser geschichtsträchtige Moment während des Grundwehrdienstes. Das DDR-System hatte mich nach dem Abi 1988 zur 18-monatigen Wehrpflicht einberufen und der Bereitschaftspolizei Magdeburg zugewiesen, bevor ich anschließend hätte studieren dürften. Unfreiwillig kaserniert bekamen wir oft nur gefiltert oder zeitverzögert mit, was draußen wirklich abging. Dennoch bliesen wir auch innerhalb der Kaserne zum Wendesturm. Mit tagelangen Mahnwachen erzwangen wir die Ablösung und zivile Gerichtsverfahren gegen Offiziere, die bei Montagsdemos auf Protestierende eingeschlagen hatten. Wenig später reduzierte die DDR-Regierung den Grundwehrdienst sogar auf zwölf Monate. Das Pech meines Jahrgangs: Wir waren schon im dreizehnten Monat und mussten deshalb fünfzehn Monate voll machen. Noch bis Ende Januar 1990 vergatterte man uns, dem kollabierenden Staat zu dienen. Absurd.

Größtes Glück trotz Ernüchterung

Trotz allem konnte mir mit damals 20 Jahren kein größeres Glück im Leben passieren. Freie Wahlen im März, das Ende der Parteidiktatur, echter demokratischer Umbruch. Alle Türen standen plötzlich offen – dachten wir in unserer Euphorie. Doch die wich schnell der Ernüchterung. Denn aus „Wir sind das Volk“ wurde „Wir sind ein Volk“. Viele opferten basisdemokratische Ideen gern der schnellen D-Mark. Mahnende Worte zu verheerenden Folgen für die Wirtschaft und den gesellschaftlichen Zusammenhalt fanden kaum Gehör.

Falscher Tag – „Flucht“ nach Prag

Als dann Helmut Kohl und DDR-Unterhändler Günther Krause den 3. Oktober 1990 zum neuen „Tag der Deutschen Einheit“ auserkoren, ergriffen wir die „Flucht“. Wir kannten uns aus der christlich geprägten Jugend und „flohen“ ausgerechnet nach Prag, um diesem künstlichen Feiertag zu entkommen oder um zumindest das eigentliche Ereignis würdig zu begehen. Bis heute bin ich überzeugt davon, dass mit dem 17. Juni (Volksaufstand 1953 in der DDR), dem 4. September (Montagsdemo in Leipzig), dem 30. September (Hans-Dietrich Genscher in der Prager Botschaft) und vor allem dem 9. November (Grenzöffnung) wesentliche geeignetere Termine zur Auswahl standen, um spätere Generationen an die friedliche Revolution zu erinnern. Doch das Kalkül der vereinigten Regierung war offenbar, den 7. Oktober als „Republik-Geburtstag“ schnell vergessen zu machen. Nötig war das nicht, weil die DDR-Regierung längst selbst das Datum demontiert hat, mit dem pompös und gleichzeitig lächerlich zelebrierten 40. Jahrestag mitten im Wendeherbst.

Ostdeutsche haben etwas zu erzählen

Dreißig Jahre später nehmen die Medien zwar gern die einzelnen Etappen der friedlichen Revolution auf. Dokumentationen, Talkrunden und Spielfilme rücken Leute ins Rampenlicht, die als Botschaftsflüchtlinge, Regime-Kritiker oder einfach als Ostdeutsche Geschichte erlebt haben und bis heute etwas zu erzählen haben. Doch leider wird der offizielle Feiertag zum 30. Jubiläum erst ein Jahr später im politischen Berlin gefeiert. Einziger Anlass dafür: Der Beitritt der DDR zur BRD wurde an diesem Tag laut Präambel des Grundgesetzes vollendet.

Unsägliche Vereinnahmung

Keine Frage ist, dass die tatsächliche Vollendung noch Zeit in Anspruch nimmt. Trotzdem wehre ich mich wie eine große Mehrheit der ehemaligen DDR-Bürger gegen die unsägliche Vereinnahmung der friedlichen Revolution durch eine geschichtsvergessene, rechtspopulistische bis rechtsradikale Partei. Ebenso trete ich aus tiefster Überzeugung der Verklärung der DDR entgegen, die zweifelsfrei ein brutaler Unrechts- und Überwachungsstaat war.

Demokratie und Freiheit verteidigen

Dank dem Mauerfall sind Demokratie und Freiheit seit 30 Jahren Werte, die ich in vollen Zügen genießen kann und gerade in der heutigen Zeit mit aller Kraft verteidige. Dafür werde ich alle meine „Tage der Deutschen Einheit“ nutzen – am 17. Juni, am 4. September, am 30. September und am 9. November. Ja, und meinetwegen auch am 3. Oktober – im Gedenken an die verhafteten Demonstranten am Dresdener Bahnhof.

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