Die Sache mit dem Medienwandel

Apps, soziale Medien, Ebooks – der digitale Medienwandel ist im vollen Gange. Doch was machen „Facebook und all der Scheissdreck“ (Günter Grass) mit unseren Lesegewohnheiten? Und vor welchen Herausforderungen stellt die Digitalisierung Verlage und Journalisten?

Der Medienwandel ist im vollen Gange - und unsere Lesegewohnheiten ändern sich.

Mit dem Siegeszug des Smartphones und der Social Media Dienste wie Facebook und Twitter haben sich auch unsere Lesegewohnheiten geändert. Einer Bitkom Studie zufolge bezieht in Deutschland mittlerweile rund jeder fünfte Internetnutzer seine Nachrichten in erster Linie über die sozialen Medien. In den USA informieren sich inzwischen sogar 62 Prozent der über 18-jährigen über soziale Netzwerke, wie eine diesjährige Umfrage des Pew Research Centers zeigt.

Grund genug für Facebook, im vergangenen Jahr Instant Articles einzuführen: Dabei erhalten Publisher die Möglichkeit, Inhalte direkt auf Facebook zu hosten. Die Artikel können somit ohne lästige Ladezeiten direkt im Netzwerk gelesen werden. Die Kooperation zwischen Medienhäusern und Facebook kommt dabei einer Win-Win-Situation gleich: Die Medien profitieren von Facebooks digitalem Know-how und erreichen potenzielle Leser ohne Umwege, während Facebook sich immer mehr als Nachrichtenkanal etabliert. Nicht nur deshalb bezeichnete Jan-Eric Peters, der Chef der Nachrichten-App Upday, das soziale Netzwerk als „größte Zeitung aller Zeiten“.

Auch Google hat das Potenzial einer Zusammenarbeit mit Verlagen und Journalisten erkannt und zog im Herbst 2015 mit der Ankündigung einer Digital News Initiative nach. Welche konkreten 128 Projekte bei der DNI gefördert werden, hält Google mehr oder weniger geheim – eine konkrete Liste soll erst im November 2016 veröffentlicht werden. Somit lässt sich zum derzeitigen Zeitpunkt auch noch nicht mit Sicherheit sagen, wie die eigentliche “Initiative“ ausschaut. Dennoch steht fest, dass auch Google ein Eigeninteresse verfolgt.

Get Fit or Die Tryin‘

Das Kernziel der Zusammenarbeit zwischen Medienhäusern und Journalisten auf der einen und den beiden Internetriesen aus dem Silicon Valley auf der anderen Seite ist – neben der Realisierung neuer Content-Formate – freilich die Entwicklung tragfähiger Geschäftsmodelle. Denn um  Qualitätsjournalismus im Netz zu gewährleisten lautet auch hier die Devise: „Ohne Moos nix los“. Insofern leuchtet nur allzu klar ein, dass eine engere Kooperationen mit den Internetriesen für Zeitschriften und Tageszeitungen mindestens genauso wichtig ist, wie die „klassischen“ Modelle zur Monetarisierung redaktioneller Inhalte im World Wide Web (Stichwort „pay 2 read“).

Besonders diese gewinnen in Anbetracht der sinkenden Print-Verkaufszahlen in der Zeitungsbranche immer mehr an Bedeutung: Während im Jahr 1995 noch rund 30 Millionen Tageszeitungsexemplare verkauft wurden, waren es knapp 20 Jahre später gerade mal 20 Millionen. Die Leser weichen mehr denn je auf Webinhalte aus. Doch auch Online-Journalismus will finanziert werden. Klassischerweise funktioniert dies über Werbung, die während des Lesens eingeblendet wird. In den vergangenen beiden Jahren haben sich in Deutschland (mit etwas Verspätung im Vergleich zu den USA) darüber hinaus auch Abo-Modelle entwickelt. Dabei können bestimmte „Premium“-Inhalte nur bei Abschluss eines Online-Abos der Zeitung bzw. Zeitschrift gelesen werden (auch Paywall genannt). Darüber hinaus verfolgen allerdings auch immer mehr Anbieter von Webinhalten sogenannte Unbundling-Ansätze, bei denen bestimmte Beiträge losgekoppelt vom frei zugänglichen Content nur gegen Bares gelesen werden können (jüngstes Beispiel: Spiegel Plus).

Vernetzung statt Einbahnstraße

Die Digitalisierung hat jedoch nicht nur die Finanzierung von Journalismus verändert. Sie hat auch das Lesen verändert. Die Erfahrung, einen Artikel in einer App auf dem Smartphone zu lesen ist eine andere, als das Blättern in der Zeitung. Entsprechend ist auch die Art, wie wir mit Medien umgehen,  eine gänzlich andere. Ein Beispiel: Hat uns früher der Kommentar in einer Tageszeitung gut – oder auch nicht – gefallen, blieben uns drei Möglichkeiten: Variante 1: Ich lese den Text, mache mir vielleicht noch ein paar Gedanken dazu, ignoriere ihn dann aber. Variante 2: Ich sitze mit Freunden zusammen und erzähle ihnen vom Beitrag, frage sie nach ihrer Meinung, teile ihnen meine Ansicht mit. Variante 3: Ich schreibe einen Leserbrief und versuche, meiner Meinung noch mehr Raum zu verschaffen. Im idealen Fall nimmt mich die Redaktion in das Blatt auf, im wahrscheinlicheren Fall werde ich ignoriert. Zumindest im öffentlichen Raum hatte der Leser somit eine relativ passive Position und eine Meinung, die er größtenteils nur mit seinem engsten sozialen Umfeld teilen konnte.

Und heute? Wir als Leser sind durch die Funktionen, die das World Wide Web und die neuen digitalen Technologien und Apps mit sich bringen vom passiven Rezipienten und Konsumenten zum aktiven Produzenten geworden. Nicht umsonst kürte das US-Nachrichtenmagazin Time im Jahr 2006 alle Nutzer des Web 2.0 mit dem Personalpronomen „Du“ zur Person des Jahres. Handelte es sich zuvor eben noch um Einbahnstraßen-Kommunikation, sind Medien mittlerweile von einer steigenden Interaktivität geprägt. Und das nicht nur in Form von Foren oder Kommentarfunktionen. Gefällt mir ein Beitrag – oder gefällt er mir auch nicht – kann ich passend zum Link zum Text der großen weiten Welt der Internets meine Meinung kundtun. Und erhalte wiederum Feedback auf mein Feedback.

Der Paradigmenwechsel macht bei Geschriebenem jedoch noch lange nicht halt. Hatte beispielsweise auch das Musikhören jahrzehntelang etwas Haptisches an sich – zunächst durch die Pressung auf Vinyl, später dann in Form von Kassetten und CD’s – laden wir uns unsere Lieblingsmusik jetzt häppchenweise im iTunes Store oder bei Amazon herunter. Anachronistische Ausnahmen – besonders in puncto Vinyl – bestätigen die Regel ;-) Oder streamen uns durch die schier unendlichen Musikbibliotheken von Spotify, AppleMusic & Co. Bei Fotos hat die Filmrolle schon seit Langem ausgedient. Das Prüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte schätzt in einem Trendeport für die Marktsegmente Telekommunikation, Medien und Technologie (TMT), dass künftig 90 Prozent aller Fotos mit einem Smartphone aufgenommen werden. Allein in diesem Jahr sollen dem Bericht nach 31 mal so viele Fotos im Web geteilt werden, wie noch 1990 insgesamt aufgenommen worden sind. Was wäre die Welt doch ohne auf Instagram gepostete Bilder unserer Mahlzeiten! Nicht auszudenken, was uns und unseren Clouds da durch die Lappen gehen würde!

Blendle: Heilbringer oder Teufelszeug?

Kein Wunder, dass Blendle-Gründer Marten Blankensteijn von einem Kulturwandel spricht, wenn er in der brand eins-Ausgabe vom März 2016 sein Geschäftsmodell vorstellt. Blendle, ein Digitalkiosk, der nach dem iTunes-Prinzip den Erwerb einzelner Tageszeitungs- und Magazinbeiträge ermöglicht, hat in Deutschland mittlerweile 40 Zeitschriften und 36 Tageszeitungen mit an Bord – Tendenz steigend. Die Kosten für einen Beitrag belaufen sich für den Leser auf 15 Cent bis zu maximal einen Euro, wobei das niederländische Startup-Unternehmen an 30 Prozent der Einnahmen beteiligt ist.

Seit einigen Monaten verfüge auch ich über ein Nutzerkonto bei Blendle. Meine anfängliche Skepsis – vor allem meiner Print-Affinität geschuldet – wich gleich einer steigenden Begeisterung für das Konzept. Obgleich die Smartphone-App sicherlich noch einiger Updates bedarf, ist das Portal dennoch gut strukturiert. Gleichzeitig muss ich an dieser Stelle festhalten, dass ich wohl ein Idealkunde für das Startup bin: Ich verfüge lediglich über die Abonnements dreier Magazine und einer Tageszeitung. Ansonsten bin ich titeltechnisch weitgehend ungebunden und selektiere themenbezogen, für welches Print-Erzeugnis ich Geld ausgebe. Zugegebenermaßen wurde ich während eben dieser Selektion nicht nur einmal von Betreibern von Kiosk-  oder Bahnhofsbuchandlungen ermahnt, die Zeitung, die ich nach interessanten Titeln durchforste, auch zu kaufen. Aber für mich zählt eben die Devise „Ich kaufe doch nicht die Katze im Sack!“ Ein Argument, das nie zog. Aber dennoch  ein schlüssiger Einwand, wie ich finde – wieso sollte ich bei redaktionellen Inhalten auf den Wunsch verzichten, wissen zu wollen, was denn nun tatsächlich „drin steckt“? Da ist Blendle schon deutlich verständnisvoller: Den Nutzern des 2014 gegründeten Portals ist es möglich, das Geld für Berichte, die einem nicht gefallen oder auf die versehentlich geklickt wurde, zurückzuerhalten – der jeweilige Betrag wird schnell und problemlos auf das Nutzerkonto des Lesers zurückgebucht.

Eine weitere Herangehensweise verfolgt der Digitalkiosk read.it. Während Blendle das verlegerische Pendant zum iTunes-Store ist, kann read.it wohl als eine Art Spotify für Magazine bezeichnet werden. Basierend auf einem Flatrate-Modell können Nutzer zwischen einem werbefinanzierten Gratismodell und einer kostenpflichtigen Premiumvariante wählen. Dabei befinden sich bislang rund 230 Titel im Portfolio des Digitalkiosks. Auch die Buchbranche legte in den vergangenen Jahren E-Book-Flatrate Modelle vor, so beispielsweise Amazon mit der Kindle Unlimited Flatrate: Für einen monatlichen Festbetrag können auch hier Leseratten ihre Bücher aus einem Angebot von über einer Million Titel wählen.

My two cents

Die Frage, die sich die Verlage in Anbetracht dieser Entwicklung stellen müssen, ist daher nicht, ob die neuen Nachrichtenkanäle bzw. Rezeptionsmöglichkeiten (wie eben Facebook oder Blendle) die alten ersetzen werden. Qualitätsjournalismus bleibt in jedweder Form auch weiterhin gefragt. Die Frage kann nur sein, wie die Verlage ihr Angebot oder ihre Vertriebsmöglichkeiten ergänzen und an den  digitalen Medienwandel anpassen können.

Vor ein paar Tagen ist in der New York Times übrigens ein toller Artikel über den Erfolg und Misserfolg von Snapchat und Twitter erschienen. Woher ich das weiß? Dank Blendle, wo mir dieser Artikel empfohlen wurde. Schöne, neue, digitale Medienwelt. Der kleine Revoluzzer in mir, der dem digitalen Medienwandel trotzen will, hat sich den Beitrag allerdings klammheimlich ausgedruckt und liest ihn auf dem guten, alten Papier. Aber pssssst.

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