Sprechen Sie Emoji?

Wir schreiben das Jahr 1982. Michael Jackson veröffentlicht mit dem Album „Thriller“ einen Meilenstein der Musikgeschichte. David Hasselhoff beginnt, in der TV-Serie Knight Rider mit seinem Wunderauto K.I.T.T. für Recht und Ordnung zu sorgen. Steven Spielbergs E.T. treibt den Kinobesuchern Pipi in die Augen. Und ein Informatiker der Carnegie Mellon University prägt mit einem simplen wie genialen Einfall unsere Art, miteinander zu kommunizieren: Scott Fahlmann schlägt in einem Diskussionforum vor, die Anhängsel :-) und :-( zum Kennzeichen von humorvollen und ernst gemeinten Beiträgen einzuführen. Und erfindet damit das Emoticon.

Foto von Hieroglyphen

Back to the future? Unser technologischer Fortschritt bereichert uns ein Comeback der Bilderschrift.

33 Jahre später wählt der weltberühmte Oxford Dictionary das Smiley-Gesicht mit Freudentränen zum britischen „Wort des Jahres 2015“. Dabei handelt es sich beim Emoji um eine Weiterentwiclung des Emoticons (Kurzform für emotion icons). Diese stellten ursprünglich Gemütszustände in Form von Strichbildern von Gesichtern dar. Während die Ursprungs-Smileys dabei nur ASCII-Symbole verwendeten und vom Bildgehalt noch etwas eingeschränkt waren, änderte sich dies schon bald durch die Möglichkeit, auch graphische Renderungen vornehmen zu können: Das Smiley erblickte das Licht der Welt. Unter anderem ICQ sei Dank, konnten Gesichtsausdrücke auch grafisch dargestellt werden.

Mit dem Emoji sind wir noch eine Stufe auf der Evolutionsskala hinaufgeklettert: So können mittlerweile nicht nur Gemütszustände, sondern auch Gegenstände graphisch repräsentiert werden (Ideogramme) –  beispielsweise Gestirne,  Autos, Flaggen, Uhren, oder auch Pizzen und Tacos (doch dazu später mehr).

Piktogramme waren Jahrtausende lang ein wesentlicher Bestandteil unserer Kommunikation. Und doch stellt sich die Frage, wieso gerade jetzt so viele Leute auf Emojis abfahren? Und worin liegt hier der Nutzen für Unternehmen? Begeben wir uns auf eine Spurensuche.

Im Juni 2016 kam der Ericsson Mobility Report zu dem Ergebnis, dass es 2015 so viele Mobilfunkanschlüsse wie Menschen auf der Welt gab (7,3 Millarden). Auch das Smartphone befindet sich dabei weltweit nach wie vor auf dem Vormarsch: So geht Statista davon aus, dass im kommenden Jahr nahezu ein Drittel der Weltbevölkerung auch ein Smartphone sein Eigen nennen wird.

Wir verbringen mehr und mehr Zeit an den Displays unserer mobilen Endgeräte. Auf dem Sofa nochmal kurz die Mails checken? In der Whatsapp-Gruppe die Geburtstags-Überraschungsfeier für den besten Kumpel organisieren? Der neuen Flamme einen Liebesschwur schicken? Dank mobiler Endgeräte und der dazugehörigen Apps alles in Nullkommanix erledigt.

Hand in Hand mit der Technologie und dem damit verbundenen Multitasking-Management, das uns allen abverlangt wird (schließlich nehmen wir alle mehr Informationen auf, als je zuvor), wird unsere Kommunikation allerdings nicht nur schnelllebiger. Mit der Digitalisierung verändert sich auch die Art, wie wir miteinander kommunizieren – sowohl bei der mündlichen, als auch bei der Schriftsprache. Und Veränderungen wecken in vielen Unbehagen – gerade wenn es um identitätsstiftende Elemente wie Sprache geht.

 

Ein kleiner Exkurs

 

Das ist auch bei der immer mal wieder aufflammenden Anglizismus-Debatte beobachtbar. Eine Veränderung geht allerdings nicht notwendigerweise mit einem Verfall einher. Nahezu jede Sprache ist geprägt von jahrhundertelangen Entwicklungsprozessen. Einflüsse aus Fremdsprachen sind daher nichts Neues, auch wenn wir Begriffe wie Auto (Lehnwort aus dem französischen, automobile), Sport (Lehnwort aus dem Englischen, sport/disport) oder Grenze (Lehnwort aus dem Slawischen, granica) heute wie selbstverständlich verwenden, haben sie doch keinen Urdeutschen Ursprung.

Dabei ist die „Einfuhr“ von Fremdwörtern besonders dann von Erfolg gekrönt, wenn das Fremdwort für etwas steht, hinter dem sich ein neuer Bedeutungsaspekt verbirgt. So verbinden Sprecher im Deutschen mit dem Lehnwort „Shoppen“ oftmals eine andere Tätigkeit als „Einkaufen“. Ob neue Fremdwörter tatsächlich in unsere Alltagssprache Einkehr erhalten, hängt daher von dem praktischen Nutzen für den Sprecher ab.

 

Das Comeback der Windel?

 

Ähnlich verhält es sich mit Emojis. Es bleibt den Schreibern überlassen, inwieweit sie die Bildchen als integrativen Bestandteil in ihre Kommunikation aufnehmen wollen. Derzeit erleben die Zeichen in jedem Fall ein Hoch. So bezeichnet der Linguist Vyv Evans bezeichnet Emoji schon jetzt als „the fastest growing form of language in history.

Dabei gibt es natürlich auch Kritiker. Sie warnen uns davor, dass wir im rasanten Tempo auf den Sprachverfall zusteuern. So schreibt der Journalist Kyle Smith im New York Post: „Leaving the language corner of your brain to grow cobwebs and instead turning your attention to the picture-generating muscles isn’t a bold leap into the future, it’s a giant leap backward: in ambition, in maturity, in evolution. It’s like deciding that going to the restroom is too much trouble and relying on Depends instead.” 

Uff. Doch geht die steigende Verwendung der Emojis tatsächlich mit einem Niedergang unserer Kultur einher? Oder sind die Symbole nicht einfach nur Lehnwörter der globalen Einheitssprache der Digitalisierung, an die wir uns mit der Zeit schon gewöhnen werden – und die unsere Sprache eher berichern?

Ob Sprachfeature oder gar eigenständige Sprache –  unbestreitbar ist, dass die fortschreitende Verwendung der Symbole gigantische Ausmaße annimmt. So bezifferte der im September 2015 erschienene Emoji-Report der US-amerikanischen Startup Emoji den Anteil der „Online-Bevölkerung“, die Emojis nutzen, auf 92 Prozent.

Eine Motivation für die global zunehmende Verwendung der Zeichen: Ökonomie. Emojis vereinfachen uns die Kommunikation mit dem Gegenüber, können wir doch oftmals mit der Verwendung weniger Symbole in kürzester Zeit mehr Äußerungen ausführen als mit reinem Text (Bilder, und hierzu gehören eben auch Emojis, sagen nun einmal mehr als tausend Worte – 5 Euro für das Phrasenschwein). Ähnlich wie bei den Fremdwörtern spielt somit auch hier die Pragmatik die federführende Rolle.

 

Emojis als PR- und Marketingtool

 

Ein weiterer wichtiger Grund für den Vormarsch der Emojis ist jedoch die Kreativität. Und genau hier kommen PR und Marketing ins Spiel.

So hat beispielsweise auch die klassische Pressearbeit die Zeichen mittlerweile für sich entdeckt: Chevrolet veröffentlichte am 22.06.2015 eine Pressemitteilung, die nur aus Emojis bestand. Erst am nächsten Tag wurde die Textmeldung (eine Produktankündigung) veröffentlicht.

Die Pressemitteilung war dabei Bestandteil einer groß angelegten Kampagne, die auch Twitter betraf: So wurden unter anderem die Schauspielerin und Sängerin Zendaya wie auch der Youtuber Tyler Oakley in die Kampagne eingebunden. Das bescherte dem amerikanischen Konzern innerhalb von nur zwei Tagen 22 Millionen Impressions auf Twitter – nicht schlecht für eine reine Produktankündigung. Der Kommunikationsberater Arik Hanson stellte in seiner Kolumne bei publicrelationstoday.com zwar die berechtigte Frage, inwieweit Chevrolet mit der Pressemitteilung auch die Journalisten erreicht hat – und ob die Pressemitteilung nicht viel mehr an den Endkunden gerichtet war. Trotzdem muss in jedem Fall aber die Kreativität der Aktion gelobt werden.

Unsere virtuelle Realität greift mit ihren Referenzen und Symbolen somit auch abseits des Digitalen um sich. Nur mit einem Pizza-Emoji das Abendessen bestellen? Zumindest in den USA dank Domino’s inzwischen kein Problem mehr: Das für die Bestellung obligatorische Telefonat mit dem Pizza-Lieferdienst ist nun Geschichte. Nach einer vorherigen Anmeldung auf der Domino’s Website bzw. über die Domino’s App und der Hinterlegung eines Nutzerprofils können nordamerikanische Pizza-Fans mit dem Tweet (oder auch über eine Textnachricht, für Freunde der alten Schule) eines Pizza-Emojis eine verbindliche Bestellung vornehmen – und nach wenigen Minuten ihr Essen im Empfang nehmen. „It's the epitome of convenience“ sagte CEO Patrick Doyle dabei der USA Today in einem Telefoninterview.

Der Pizza-Lieferdienst erwirtschaftet übrigens bereits 50 Prozent seines Umsatzes über die digitalen Kanäle. Die Nutzung von Twitter als Verkaufskanal und des Emojis als Order-Sprache war somit wohl nur ein folgerichtiger Schritt.

Neben Domino’s nahm sich eine weitere Fastfood-Kette der Emojis für die Eigen-PR an: So stellte Taco Bell 2014 die vollkommen legitime Frage, wieso es für Videokasetten oder Floppy Disks eigene Symbole gebe („No one uses these things anymore“), aber keins für das Taco, der Spezialität der mexikanischen Küche. Anlass genug für das Unternehmen, auf der Petitionsplattform change.org eine an das Unicode Consortium gerichtete Petition einzureichen, die die Einführung eines Taco-Emojis als Forderung hatte. Begleitender Hashtag der Kampagne: #TacoEmoji. Und die Petition war dank 32.802 Unterstützer erfolgreich: Seit dem 17. Juni 2015 kommen bei der Verwendung von Emojis auch Taco-Fans auf ihre Kosten und können ihre Leibspeise als Symbol in ihre geschriebene Sprache aufnehmen. Viel PR, wenig Kosten. Der besondere Vorteil für Taco Bell liegt hier beim Branding: So lieferte die Petition für die Kunden – im Gegensatz zu klassischer Eigenwerbung – aktives Identifikationspotenzial.

Eine weitere Königsdisziplin in der gezielten Positionierung der Kunden als Markenbotschafter wird mit Hilfe des Einsatzes gebrandeter Emojis erreicht. Auch hier war ein Autohersteller Vorreiter: Ford hat in Zusammenarbeit mit Swyft Media am 9. September 2015 ein personalisiertes Ford Focus Emoji-Keyboard veröffentlicht. Das „Ford Focus Pack“ wurde innerhalb von 10 Tagen 25.000 Mal heruntergeladen.

Das jüngstes Beispiel des Emoji Brandings bescherten uns das Pariser Modelabel Kenji und die schwedische Handelskette H&M: Nach dem Download der „Emotikenzo“-App können Modebegeisterte ihre Textkommunikation um Emojis bereichern, die von den beiden Unternehmen eigens für die Einführung der Kollektion im November 2016 entwickelt worden sind.

 

Fazit

 

Die Bereicherung der Kommunikationskanäle um die sozialen Medien hat im vergangenen Jahrzehnt dazu beigetragen, dass die mit dem Beginn des Internetzeitalters über uns strömende Informationsflut noch weiter verstärkt wird. Für Unternehmen war es nie leichter, ihre Zielgruppen zu erreichen. Gleichzeitig war es aber auch noch nie schwieriger: Unsere Gehirne filtern in Millisekunden, welche Informationen uns von Nutzen sein können. Und so kommen nur Inhalte mit einem tatsächlichen Mehrwert auch bei uns Kunden an.

Das intelligente Einbeziehen von Kommunikationstrends – und hierzu gehören in Anbetracht der Nutzerzahlen auch Emojis – in die eigenen Kommunikationskanäle kann Unternehmen dabei helfen, aus der Masse der elektrischen Kommunikation herauszustechen. Und nicht nur das: Im Idealfall schaffen es Unternehmen, ihre Kunden in die Markenkommunikation einzubinden und die Kunden als Markenbotschafter einzusetzen.

Einen kleinen „Emoji Guide für Social Media Marketers“ gibt’s übrigens im Blog von Hootsuite: https://blog.hootsuite.com/emoji-marketing-guide/

 

 

Unternehmenskommunikation Emoji Social Media

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